Die Symbole in den Kirchenfenstern

1875/76 erhielt unsere Kirche ihre heutige Bestuhlung (Bänke, Kanzel, Abendmahlstisch). Im Zuge dieser Erneuerungsarbeiten wurden zuvor die Nordfenster verglast, sodann die farbigen Chorfenster geschaffen. 1940 war eine Neuverglasung der schadhaften Südfenster dran, um die Wärmeverluste der noch einzurichtenden Warmluftheizung der Firma Mahr/Aachen zu begrenzen

Die Fenster der Südseite wollte das Presbyterium durch kirchliche Symbole gestaltet wissen. Am 7.9.1939 wurde beim Konsistorium in Münster um die Genehmigung eines Entwurfs der Glasmalerei Deppen & Söhne/Osnabrück nachgesucht. Dieser Entwurf wurde mit der Begründung verworfen, daß er stilistisch nicht in die Lienener Saalkirche passe. Schon die Scheibengröße sei zu klein gewählt. Eine einfache, über die ganze Fensterfläche gleichmäßig verteilte Verglasung würde dem Stil der Kirche am besten entsprechen. Die Fa. Deppen legte nach den vom Konsistorium genannten Kriterien einen neuen Entwurf vor, der unter dem 5.10.1939 genehmigt wurde. Die Rechnung über Lieferung und Einbau der Fenster datiert vom 1.4.1940 über 1.736 RM. Die Kirchenheizung schlug laut Schreiben an das Konsistorium vom 23.1.1941 mit 5.517 RM zu Buche.


Die Lutherrose

Einen besonderen künstlerischen Rang wird man der Fenstergestaltung kaum zusprechen. Die meisten Kirchenbesucher dürften die Fenstersymbole in der oberen Maßwerkfüllung und in dem Rundfenster über dem Südportal gar nicht kennen. Im Vergleich zu den farbigen Chorfenstern fallen sie nicht ins Auge. Die Südempore verstellt zudem den Blick auf die Fenster.

Vermutlich hat Pastor Smend die Symbolzusammenstellung vorgeschlagen. Die Symbole zeugen von der Haltung des Lienener Presbyteriums in der Auseinandersetzung mit dem NS-Staat. Smend hatte 1933 das sogenannte Tecklenburger Bekenntnis mit verantwortet. Um den Bezug zum NS-Staat zu verdeutlichen, gehen wir in unserer Erklärung von dem Rundfenster mit der Lutherrose über dem Südportal der Kirche aus.

Die Lutherrose ist ein von Martin Luther entworfenes Wappen. Sie wurde 1530 von ihm als Zeichen reformatorischen Glaubens vorgestellt: in der Mitte der Rosenblüte ein schwarzes Kreuz im leuchtenden Rot eines Herzens, darum herum die weißen Blütenblätter. Der blaugrüne Himmel ist umrandet von einem goldenen Ring. Das Rot steht für das Herzblut Jesu, der für uns gestorben ist. Die weißen Blütenblätter wollen sagen, daß wir durch den Tod Jesu Christi gerecht gesprochen sind, in Frieden und Freude aus der Gewißheit der Liebe Gottes leben dürfen. In dem Blaugrün des Himmels soll die auf die Zukunft gerichtete Hoffnung eines Christen zum Ausdruck kommen. Der goldene Ring um das Wappen steht für die ewige Herrlichkeit Gottes.

Die Lutherrose im Rundfenster ist ärmlich ausgefallen. Sie zeigt keine Farben, sondern nur eine abgestufte Schwarz-weiß-Schattierung. Aber auch so ist sie Symbol für das Zentrum christlichen Glaubens, ein stiller Widerspruch gegen die Nazi-Ideologie mit ihrer Redeweise von einer "heldischen Frömmigkeit" und "deutschem Luthergeist", die die Verkündigung der barmherzigen Liebe Gottes zu jedem Menschen (auch dem Juden) schlechterdings ausschloß.


Kreuz im Strahlenkranz


Chi/Rho, das sog. das Christusmonogramm


Die Taube als Symbol für den heiligen Geist.

Den mit der Lutherrose gesetzten Widerspruch zum Nationalsozialismus spürt man, wenn man die "Richtlinien" der Deutschen Christen (Nazipartei in der Kirche) vom 6. Juni 1932 im Ohr hat: Sie formulierten als ihr Glaubensbekenntnis:
"Wir stehen auf dem Boden des positiven Christentums. Wir bekennen uns zu einem bejahenden artgemäßen Christusglauben, wie er deutschem Luthergeist und heldischer Frömmigkeit entspricht". Was "positives Christentum" zu bedeuten hatte, bestimmte Adolf Hitler, nicht eine aus Israel hervorgegangene Bibel. Die Juden wurden vergast, die Kirche wäre "nach siegreich beendetem Krieg" dran gewesen.

Die Lutherrose im Rundfenster über dem Südportal der Kirche zeigt, daß die Kirchengemeinde sich als Bekenntnisgemeinde gegen den Ungeist des Nationalsozialismus verstanden hat. Auf dem Hintergrund der NS-Zeit erläutern wir auch die anderen Symbole in den Fensterspitzen der Südseite der Kirche.

Auf den Fenstern östlich des Südportals finden wir in ost-westlicher Folge das Kreuz im Strahlenkranz des Auferstehungstages. Das soll heißen: der Tod ist an Ostern verschlungen in den Sieg Gottes.

Das Symbol des mittleren Fensters sind die in eins geschobenen Buchstaben XP für die griechischen Buchstaben Chi/Rho, Abkürzung des Christustitels (Chr), das sogenannte Christusmonogramm. Es ist das Zeichen, daß der Kaiser Konstantin im Jahre 312 vor der Schlacht an der Milvischen Brücke (vor Rom), als es für ihn um Sein und Nichtsein ging, auf die Schilde seiner Soldaten malen ließ.

In der Spitze des dritten Fensters sehen wir die Taube, Symbol für den Heiligen Geist, der bei der Taufe auf Jesus herabkommt und der zu Pfingsten den Jüngern zuteil wird.

Das Werk Jesu Christi (XP, mittleres Fenster) gründet also in seinem Leiden, Sterben und Auferwecktwerden (östliches Fenster) und kommt den Seinen in einem Leben aus dem Geist Gottes zugute (Fenster neben dem (Portal). Nicht Adolf Hitler ist unser Heil ("Heil Hitler"), sondern Jesus Christus. So aktuell predigen diese Fenster in damaliger Zeit. Mit "Heil Hitler" grüßte man den "Führer" als den Messias Deutschlands.


Der Anker als Symbol für die Taufe


Der Abendsmahlskelch im Strahlenkranz


Alpha und Omega

Das erste Fenster westlich vom Südportal zeigt einen in seinem Schaft vom Halteseil umwundenen Anker als Symbol für die Taufe. Das soll heißen: Wir sind durch das Ankerseil des Glaubens mit dem Grund unseres Lebens in der Taufe verbunden. Mit dem Anker sind übrigens auch alle Kirchensiegel des Tecklenburger Landes versehen.

Der Abendmahlskelch auf dem mittleren Fenster ist mit einem Strahlenkranz umgeben, so wie wir es bei dem Kreuz neben dem Chorfenster fanden. Damit soll gesagt sein: die Segenskraft des Abendmahls gründet in der Gegenwart des auferstandenen Herrn. Wir feiern den, der den Tod überwunden hat.

Auf dem letzten Fenster finden sich der Anfangs- und der Endbuchstabe des griechischen Alphabetes, das A(lpha) und das O(mega). Damit wird an die Selbstvorstellung Gottes in der Offenbarung des Johannes erinnert: "Ich bin das A und das O, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige" (Offbg 1,8). Das ist zugleich eine Umschreibung des heiligen Jahwe-Namens im Alten Testament, dem Testament des damals verachteten Israel: "ich bin, der ich bin; ich werde sein, der ich sein werde" (2. Mos. 3,14). Gott ist zu allen Zeiten der seinem Volk und uns treue Vater, der Mensch wurde und sich mit den Zügen der Liebe Jesu Christi gezeichnet hat.

Wie ist Smend mit dem Presbyterium auf diese Zusammenstellung gekommen? Die Lutherrose drängte sich in der Zeit der Auseinandersetzung mit der NS-Weltanschauung einfach auf. Die anderen Symbole sind vielleicht aus einem dem Presbyterium von der Firma Deppen/Osnabrück vorgelegten Katalog ausgewählt.

Wenn ich Presbyter gewesen wäre und über die Symbole hätte abstimmen können, welche hätte ich ausgewählt? Erst einmal eine farbig gestaltete Lutherrose. Entschieden hätte ich mich darüber weiter für das Christusmonogramm (ineinander geschobenes XP), den vom Haltetau umwundenen Anker und das A und O: Christus, die Mensch gewordene Liebe Gottes, Haltegrund meines Lebens. Damit wären drei Plätze frei, über die das Presbyterium auf einer Folgesitzung hätte weiter verhandeln müssen.


Das Rundfenster über der Kanzel

Das Rundfenster über der Kanzel und die beiden Seitenfenster im Chor der Kirche wurden 1675/76 als Stiftung der Familie Kriege von der Fa. Heinrich Oidtmann, Glasmalerei in Linnich/Aachen, geschaffen. Im Strahl der Sonne lassen die farbigen Chorfenster ein warmes Licht in den Kirchenraum fallen. Dem Rundfenster gilt unsere besondere Aufmerksamkeit. Es ist ein "Staatskirchenfenster". In der Mitte das Kreuz. Von ihm gehen Strahlen der Sonne nach allen Seiten. Dazu eine Inschrift in griechischen Buchstaben im Kreisrund: "In diesem (Zeichen des Kreuzes) siege".

Als Kaiser Konstantin am 28. Oktober 312 zum Kampf gegen seinen Mitkaiser Maxentius an der Milvischen Brücke vor Rom antrat, hatte er zuvor dieses Zeichen oder das Christusmonogramm (zusammengeschobenes XP) am Himmel gesehen und ließ es auf die Schilde seiner Soldaten malen und siegte. Das war der Beginn der Ehe von Kirche und Staat. Das Rundfenster ist also ein Staatskirchenfenster. Es wurde ja auch zu Kaisers Wilhelms Zeiten auf der Höhe des deutschen Nationalismus 1876 geschaffen.

Ich denke an die Schwertmission Karls des Großen, der unser Land 776 mit Gewalt dem christlichen Glauben zuführte und durch Enteignung vieler Güter auch die Errichtung von Kirchen und Pfarren ermöglichte. Klingt nicht gerade gut. Ich sehe im Geiste vor mir einen unserer Pfarrer, der in tiefer Depression angesichts des Zerbrechens des obrigkeitlichen Schutzraums der Kirche 1919 die Augen schloß. Vollends in der NS-Zeit hat die Kirche unter Schmerzen lernen müssen: "Mit unsrer Macht ist nichts getan; wir sind gar bald verloren". Geblieben ist das Zeugnis der Heiligen Schrift, die Gegenwart Gottes in Jesus Christus: "es streit' für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren".

Aber aus dieser Staatskirche ist auch Großartiges hervorgewachsen. Die Geschichte unserer denkmalwerten Kirchen gibt davon Zeugnis. Mitten in dieser Geschichte ist die Reformation aufgebrochen und hat Augen und Ohren darauf gelenkt, daß wir nicht aus uns selbst das Leben haben.

Die alten Kirchen stammen aus der Zeit der Machtentfaltung des christlichen Glaubens. Sie stehen im Mittelpunkt unserer Städte und Dörfer, die ältesten unter ihnen auf religiösen Kraftzentren der vorchristlichen Zeit. An so hervorgehobenem Ort haben sie eine bedeutende Funktion: unsere Welt darauf hinzuweisen, daß es eine Mitte des Lebens gibt, aus der Wärme der Liebe Gottes strahlt. Das Kreuz ist Zeichen solcher Liebe, die sich für uns drangegeben hat und unser Handeln gerade auch heute sucht.

Ich ertappe mich gelegentlich, daß ich im Gottesdienst weniger bei der Predigt bin, sondern bei so einem Fenster. Das Rundfenster erfährt in solcher "Fensterpredigt" eine eigentümliche Wandlung: es hört auf, ein Staatskirchenfenster zu sein. Sein Kreuz ist kein "Ritterkreuz" auf den Schilden der Soldaten mehr, sondern Zeichen der Liebe Gottes, deren Strahlen das Herz warm werden läßt, Gemeinde zur Gemeinschaft derer ruft, die im Geiste Jesu füreinander eintreten. Die Umschrift "in diesem Zeichen (des Kreuzes) siege" ruft mich zum Vertrauen auf den Sieg der Liebe Gottes, die unserem Leben Hoffnung und Kraft schenken will und die Welt nicht dem Chaos überantwortet.

Text: Dr. Wilhelm Wilkens
Fotos: Achim Kalwa

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