Die Renovierung unserer Kirche – ein langer Prozess

(Geleitwort zur Festschrift 1997)

Schon bevor mein Mann und ich im Jahre 1988 nach Lienen kamen, waren im Presbyterium Vorstellungen und Ziele einer bevorstehenden Kirchenrenovierung immer wieder besprochen worden. Wir haben uns dann gerne in diesen Prozess einbezogen.

Eine Kirche sollte hell sein, eine freundliche, ruhige Atmosphäre ausstrahlen, ein Raum sein, in dem Menschen gerne zusammenkommen. Der Charakter unserer Kirche, die Anordnung der Bänke, die Symmetrie des Gottesdienstraumes sollten erhalten bleiben. Um bei größeren Gottesdiensten und Familiengottesdiensten mehr Gestaltungsmöglichkeiten zu haben, wäre eine Vergrößerung des Altarraumes sinnvoll. So formulierten wir einige der Ziele. Eine Frage war für uns auch: Wo kann in einer solch großen Kirche für einzelne Menschen oder kleine Gottesdienstgemeinden ein Ort der Ruhe und Besinnung sein?

Viele Gespräche und Ortstermine waren erforderlich. Das ganze Presbyterium beteiligte sich an dem Prozess. Auch als sich 1992 nach den Presbyteriumswahlen die Zusammensetzung des Presbyteriums z.T. veränderte, blieben einige "alte" Presbyter und Presbyterinnen in einem sog. Kirchenrenovierungsausschuss, um die Planungen und Renovierungsarbeiten weiterhin zu begleiten. Wir freuten uns auch, dass Herr Wilkens als langjähriger Pfarrer und "Geschichtskundiger unserer Kirche" dabei weiterwirkte.

Eine große Gruppe von manchmal 18 – 20 Leuten, die sich bewusst als Vertreter und Vertreterinnen der Gesamtgemeinde verstanden, traf sich also zu Gesprächen mit Herrn Miermeister vom landeskirchlichen Bauamt, Herrn Dr. Reinke als Denkmalpfleger und Herrn Leuters als Bauingenieur – ungewöhnlich viele, wie sie manchmal andeuteten. Eine solche Arbeitsweise ist sicherlich langwieriger und anstrengender, wird aber den vielfältigen Anliegen einer Gemeinde gerechter. Viele Detailskizzen, Erläuterungen, Grundgedanken zum Kirchbau von Prof. Hirche machten diesen Planungsprozess für uns fast zu einem "Grundkurs Kirchenarchitektur".

Am 4. November 1993 fand eine Gemeindeversammlung in der Kirche statt, auf der interessierten Mitgliedern der Gemeinde die Grundzüge der Renovierung vor- und zur Diskussion gestellt wurden.

Viele Einzelentscheidungen ergaben sich erst während der Bauphase.

Unser großer Kirchraum ermöglichte es, im hinteren Teil einen "Raum-im-Raum" zu schaffen, in dem die verschiedensten Formen von Gemeindearbeit gelebt werden können. Wie Gottesdienste und Andachten gehören auch Gesprächsrunden, Sitzungen, Feiern und Spielen zum Gemeindeleben. Das wird erfahrbarer, sichtbarer, wenn alles unter einem Dach stattfinden kann. Durch die Glas-Stahl-Konstruktion dieses Raumes ist der Blick frei auf die alten Kirchenmauern und die Weite des Kirchenschiffes. Die umlaufende Anordnung der Leuchter verstärkt diesen Raumausdruck.

Außerdem spielte bei den Überlegungen der Schaffung des Kirchsaals und der Hineinnahme vieler Aktivitäten in die Kirche der Gedanke eine Rolle, dass das Kirchengebäude auch dann in unserer Nutzung bleiben kann, wenn sich in Lienen zukünftige tiefgreifende Veränderungen hinsichtlich der Größe der Kirchengemeinde und damit einhergehende Finanzeinbrüche ergeben sollten.

Durch den Einbau eines Kirchsaals und der damit verbundenen Verlegung der Treppenaufgänge zur Empore konnte der alte Zugang vom Kirchenschiff zum Turm wieder geöffnet werden. Dieser kleine Raum mit seinem romanischen Gewölbe beherbergt einen Raum der Stille – zur Andacht einzelner oder kleiner Gruppen. Taufgottesdienste und eine Trauung sind inzwischen darin gefeiert worden.

Der Altarraum ist vergrößert, so dass wir uns beim Abendmahl rund um den Tisch des Herrn versammeln können. Durch die Restaurierung der Fenster an der Ostseite hat der Raum an Helligkeit gewonnen.

Ein modernes Lesepult, ein Osterkerzenleuchter, ein Altaraufsatz und die Ergänzung des Kanzeldeckels durch eine zierliche Stahlkonstruktion nehmen in Material und Gestaltung Elemente aus dem hinteren Teil der Kirche auf.

Wann eben möglich, wurden Materialien wiederverwandt, so z.B. beim Fußboden im Turmraum (die Steine stammen aus dem Steingewölbe der Kirche von 1702 und befanden sich vor der Renovierung in der Wand, die Eingangsbereich und Gottesdienstraum trennte), bei den Treppen zur Empore oder bei den Fußbodenplatten im Kirchenschiff.

Natürlich gab es auch Schwierigkeiten beim Bau, Unvorhergesehenes, wie bei jedem alten Gebäude und hier und da sind auch noch weitere Arbeiten erforderlich.

Eine Kirchenrenovierung ist nie eine abgeschlossene Sache. Die Gestaltung einer Kirche ist immer zugleich Ausdruck eines Kirchen- und Gemeindeverständnisses und wird sich von daher immer neu und anders dem Leben und den Glaubensäußerungen einer Gemeinde angleichen.

Wir erhoffen uns von der Renovierung der Kirche und dem, was in ihr auf verschiedenste Weise gelebt wird, dass wir Menschen erreichen, die gerne in ihr zusammenkommen.

Annette Bethlehem
Pfarrerin

Startseite