Die Geschichte vom alten Gemeindehaus

Aufgeschrieben von Dr. Wilhelm Wilkens, Pastor i.R.

Als ich 1959 nach Lienen kam, war der Neubau eines Gemeindehauses beschlossene Sache. Als Architekt wurde Dipl. Ing. Günther Buddenhagen aus Ibbenbüren bestimmt. Nach Genehmigung seiner Planung durch das Bauamt der Landeskirche mußte zunächst der Kindergarten ausquartiert werden. Ein neuer entstand auf der Diekesbreede. Dann mußte vor Neubau des Gemeindehauses eine Unterkunft für die Gemeindeschwester Emma Beckemeyer und für Anna Altesellmeier gefunden werden. Sie hatten oft über die schlechten Wohnverhältnisse geklagt: kein Bad, keine Toilette in der Wohnung, dazu Ofenheizung, dünne Wände, hinter denen man im Winter fror. So machte ich mich auf den Weg, um die beiden mit der Nachricht zu beglücken: Das alte Haus wird durch ein neues ersetzt. Aber erst müßt Ihr hier einmal heraus. Ich erlebte zu meinem Entsetzen, daß eine Welt für die beiden zusammenbrach. Zu sehr war das ungemütliche Haus ihre Heimstätte geworden. Beide fanden aber bei Schlingers an der Kattenvenner Straße ein schönes Unterkommen.


Das alte Gemeindehaus in Lienen. Zeichnung: Christine Fischer

Von dem Altpresbyter Heinrich Wieneke/Meckelwege erhielt ich einen bekümmerten Brief mit der Frage, wie ich das zu verantworten gedächte, ein Haus, das unter schwierigen Umständen 1925 entstanden sei, nach nicht ganz 40 Jahren wegzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen. All das ging unter die Haut. Denn zu den Betroffenen gab es mancherlei persönliche Beziehungen: Schwester Emma hatte mich schon als kleinen Jungen auf dem Arm gehabt, Anna Altesellmeier hat für uns genäht und auf dem Hof Wieneke durfte ich im 2. Weltkrieg 1940 die Ferien genießen. Vor allem: wie konnte ich Pastor Smend, der mit viel Einsatz den Bau des Hauses 1924/25 betrieben hatte, unter die Augen treten? Er war mir schon zu meiner Jugendzeit ein väterlicher Freund, hatte sich für meine Wahl in Lienen eingesetzt. Wilhelm Brüseke, unser Nachbar, hatte mir erzählt, wie Smend einmal über den Kirchplatz auf das Pfarrhaus zuging, plötzlich innehielt, stutzte und seinen Kopf schüttelte: alles war anders geworden, die hohen Bäume waren nicht mehr, der Garten war völlig umgestaltet. Es gehört zur inneren Größe von Smend, daß er sich nichts anmerken ließ, uns immer freundlich begegnete und gern gesehener Gast in unserem Hause blieb.

All das stand mir vor Augen. Mit dem Architekten wurde erwogen, ob man nicht den Vorderteil des Gemeindehauses erhalten und sich mit der Erneuerung des Saales begnügen könnte. Über den Saal hatte schon das Gutachten des Provinzialbauamtes unter dem 3.11.1923 aufgrund der Pläne geurteilt: "Unschön ist die Binderkonstruktion des Saales, welche mehr für eine Scheune wie für ein Gemeindehaus sich eignet". Herr Buddenhagen redete mir eine solche Kombilösung aus. Abgesehen von den hohen Kosten eines Durchbaus des alten Vorderteils würden wir später eine solche Bauausführung bitter bereuen. Sie sei unpraktisch und biete keine vernünftige Lösung für Küche und Toiletten. Damit war die Entscheidung gefallen. Als der Altbau dann abgerissen wurde und ich das Geschehen mit dem Kirchmeister Wilhelm Berdelmann besah, war mir eigenartig zumute, wußte ich doch um die bewegte Geschichte des alten Hauses.

Die Planung des alten Hauses hatte einen langen Vorlauf. 1908 dachte das Presbyterium erstmals an den Bau eines Gemeindehauses, um Raum für den kirchlichen Unterricht, die Zusammenkünfte des Jünglingvereins und die Einrichtung einer Gemeindeschwesternstation zu gewinnen. Bisher war die Arbeit eines Dorfpastors völlig auf Gottesdienst, Amtshandlungen und Unterricht beschränkt, dazu Gemeindebesuche zu Fuß oder beritten. Anfang des 20. Jahrhunderts beginnt auch auf dem Lande die Differenzierung der Aufgaben: Jugendarbeit und soziale Arbeit sind fortan Bestandteil einer modernen Gemeindearbeit, dazu die kirchliche Bildungsarbeit. Den jungen Mädchen wird die Chance gegeben, in Lienen eine "Höhere Privatschule" zu besuchen, die mit der Obertertia (Klasse 9) abschloß und (seit 1903) in verschiedenen Häusern Lienens Unterschlupf fand. Das betraf erst einen nur kleiner Kreis von Mädchen. Aber die Nachfrage wuchs.

Von 1908–1913 blieb es bei Überlegungen zum Bau eines Gemeindehauses. Am 7.12.1913 beschloß das Presbyterium, für das Projekt Gelder zu sammeln. Der 1. Weltkrieg legte aber alle Aktivitäten auf Eis. Am 13.5.1919 drängte der Superintendent zum Bau des Hauses. Doch wieder wird die Angelegenheit vertagt. Am 23.11.1922 endlich fiel der Beschluß, das Haus im Garten des Uhrmachers Niederhellmann zu errichten. Der Baubeschluß fiel in einer Zeit, die eigentlich jede Bauanstrengung zunichte machen mußte. Denn 1923 kam die Inflation auf ihren Höhepunkt. Aus diesem Jahr gibt es keine Abrechnung der kirchlichen Kassen. Das Geld war nichts mehr wert. Doch schon am 13.10.1924 fand das Richtfest statt. Anschließend eine Nachfeier in Achelpohls Hütte im Berg. Der Schlossermeister Wilhelm Achelpohl war der Kirchmeister der Gemeinde. Ihm hat sie viel zu verdanken. Denn gebaut wurde aufgrund eines Vorvertrags im Garten des Uhrmachermeisters Niederhellmann an der Friedhofstraße. Erst unter dem 12.3.1925 legte der Gerichtstaxator Friedrich Fletemeyer eine Wertschätzung der zum Tausch mit Niederhellmann vorgesehenen Grundstücke vor. Weil Niederhellmanns Grundstück an der Friedhofstraße einen höheren Wert hatte, wurde ihm im Tauschverfahren eine größere Fläche der Kirchengemeinde zugesprochen. Das Entgegenkommen Niederhellmanns gründet in dem guten nachbarschaftlichen Verhältnis zu Achelpohl, zugleich in der verwandtschaftlichen Verbundenheit. Am 29.3.1925 wurde der Tauschvertrag vom Presbyterium genehmigt. Am Sonntag, dem 28.6.1925, wurde das Haus durch den Generalsuperintendenten D. Zöllner aus Münster eingeweiht.

Wo kam das Geld zum Bau her? Das Vermögen der Kirche war genau so weg wie das der meisten Menschen in Deutschland. Rein auf Pump wird die Gemeinde schwerlich gebaut haben. Die Abrechnungsunterlagen würden wahrscheinlich ergeben, daß erhebliche Dollarbeträge aus den USA geflossen sind. Der 1903 nach Amerika ausgewanderte Pastor Rudolf Wilhelm Blömker, Bruder von Frau Schallenberg, überwies nicht nur persönlich einen Betrag, sondern organisierte die Förderung des Projekts in den USA. Natürlich wurde beim Bau gespart, wo zu sparen war. Das Haus war auch danach. Das Vorderhaus wurde in Hüttensteinen hochgezogen, die sich nicht gerade durch hohe Festigkeit auszeichnen. Immerhin machte das Haus, vor allem nachdem es verputzt war, mit seinem Eingangsportal und den großen Fenstern der beiden Klassenräume zu beiden Seiten des Eingangs einen schmucken Eindruck. Der Saal mit seiner nicht einladenden Binderkonstruktion war sehr funktionstüchtig. Da war nichts kaputt zu machen, auch wenn er als Turn- und Sporthalle herhalten mußte. Architekt war Friedrich Adolf Wilhelm Stahlschmidt aus dem heutigen Haus Hauptstr. 2.

Neben Kirchlichem Unterricht und Jugendarbeit schoben sich Sozial- und Bildungsarbeit nach dem 1. Weltkrieg in den Vordergrund. Der Ausbau dieser Arbeit ist das Verdienst des Pfarrer-Ehepaars Otto und Else Smend (1919-1958). Else Smend besaß hohe Managementfähigkeiten und vermochte die Menschen zu inspirieren. In der Sozialarbeit trat neben die Gemeindeschwesterstation der Kindergarten, vor allem aber die Frauenhilfe, deren Einsatz dem sozialen Elend der Zeit galt, nach dem 2. Weltkrieg der Steuerung des Flüchtlingselends und der Müttererholung. Smends forcierten ebenso die Bildungs- und Kulturarbeit. Die "Höhere Privatschule Lienen" wurde nach dem 1. Weltkrieg auch für die Jungen geöffnet, 1951–1960 wurde daraus die "Private Realschule". Ein Kulturkreis entstand. Es gab Vorträge zu aktuellen Themen, Theateraufführungen, Volkstanzveranstaltungen und musikalische Darbietungen. Das Programm erfuhr Unterstützung durch die Betheler Einrichtung eines Ländlichen Volkshochschulheims im Hause Determann (heute Jägerhof) unter Leitung von Pfarrer Walter Tiemann. 1929 kam noch der bisherige Studentenpfarrer Dr.Dr.Johannes Wilkens dazu. Er begeisterte die männliche Jugend, baute eine Männerarbeit auf und führte die weltanschauliche und politische Auseinandersetzung mit den Strömungen der Zeit (Ludendorff, NSDAP und andere).

Dr. Wilhelm Wilkens

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