Die Lienener Pfarrer

Von der Zeit der Reformation bis zur Gegenwart

Kirche und Pfarrländereien wurden in der Zeit Kaiser Ludwig des Frommen (814-840) an das Kloster Herford gegeben. Bei der Äbtissin lag fortan das Besetzungsrecht der Gemeinde mit einem Priester. Seine Wohnung hatte er von Anbeginn auf dem Pfarrhof auf der Nordseite der Kirche, wo jetzt das Pfarrhaus sich befindet.


Wilhelm Snethlage, 1600–1677

Alhard Theodor Snethlage, 1629–1710

Samuel Eberhard Snethlage, 1672–1733

Wilhelm Andreas Snethlage, 1698–1770

Pfarrer Hermann Kriege, 1808–1850

Pfarrer Hermann Holtmeier, 1880–1919

Pfarrer Christoph H. G. Hasenkamp
1816–1821

Pfarrer Ferdinand Gessert
1821–1829

Pfarrer Ernst Jakob Holtmeier
1848–1879

Pfarrer Wilhelm Kriege
1860–1913

Pfarrer Franz Neuhaus
1903–1929

Teil 1 

Von Bildern kennen wir noch das Hofgebäude von 1559, das 1908 zugunsten des heutigen Pfarrhauses abgebrochen wurde. Der unverheiratete Priester lebte u.a. aus landwirtschaftlichem Einkommen, das seine Verwandten bzw. Knechte und Mägde erarbeiteten. Vom 13. Jahrhundert an muß es auch ein besonderes Kaplanerhaus auf dem Hofgelände des heutigen Hauses Fletemeyer gegeben haben. Der Kaplan war für die Kapelle bei Pellemeier zuständig, in die die Wallfahrer zur Margaretenkirche in Lengerich einkehrten.

Kurz vor der Reformation (1527) war Conrad Meyer von der Herforder Äbtissin als katholischer Pfarrer in Lienen eingesetzt worden. Da er Sohn des gräflichen Kanzlers in Tecklenburg war, ist davon auszugehen, dass er ab 1527 als lutherischer Pfarrer sein Amt führte. Sonst hätte er sich in Lienen nicht halten können. Zu seiner Zeit wurde der Pfarrhof 1559 erneuert oder neu errichtet.

Die Einführung der Reformation geschah durch Verordnung des Grafen. Die Untertanen hatten sich dem zu fügen. Von der Gemeinde wurden die mit der Reformation sich vollziehenden Änderungen des Gottesdienstes vermutlich zähneknirschend aufgenommen: die gewohnte Messe nicht mehr in lateinischer, sondern in deutscher Sprache, keine Wandlung bei der Eucharistie, die Austeilung des Sakraments in beiderlei Gestalt (Oblate und Wein).

Meyer hat sein Amt vermutlich bis kurz vor 1576 ausgeübt. Denn in diesem Jahr wurde sein Nachfolger Eberhard Klinge ordiniert und eingeführt. Spätestens seit dieser Zeit lebten Pfarrfamilien auf dem Hof, zunächst zwei Generationen Klinge, dann – bis 1815 – fünf Generationen Snethlage.

Eberhard Klinge (*1538, †29.1.1608) war lutherischer Pfarrer. Weihnachten 1587 wurde er davon überrascht, dass Graf Arnold vom lutherischen zum reformierten Zweig der Reformation überging. Heute wissen wir kaum noch um die Differenzen der beiden protestantischen Konfessionen. Im Gottesdienst waren besonders die Änderungen in der Liturgie spürbar. Die liturgischen Wechselgesänge fielen weg, die Liturgie wurde von Lesungen aus dem Heidelberger Katechismus geprägt. Bei der Austeilung des Abendmahls gab es keine Oblate, sondern ein Stück Brot. Aus der Kirche wurden Nebenaltäre, Heiligenfiguren und Heiligenbilder verbannt, der Taufstein aus dem Turmraum in den Chor gestellt. Viele Kunstschätze landeten auf dem Müllhaufen der Geschichte.

Der Dienst der sieben Pfarrer von 1576-1815 konzentrierte sich auf den Gottesdienst, die Katechismuspredigt am Sonntagnachmittag, dazu Taufen, Trauungen, Beerdigungen und Konfirmandenunterricht. Besuche führten sie jährlich einmal durch die Gemeinde. Auf den Höfen sammelten sich Bauern- und Heuerfamilien, Knechte und Mägde. Die Aussprache betraf das Zusammenleben der Menschen und ihre Probleme. Mit dem Pfarrer diskutierte man landwirtschaftlichen Fragen. Er war damals darin sachverständig. Ein Besuch schloß mit Andacht und Gebet. Dann zog er weiter zum nächsten Hof, zu Fuß oder beritten. Abends wurde er nach Hause zurückgefahren. Zu diesen turnusmäßigen Besuchen kamen außerdem Kranken- und Sterbebesuche.

Gelegentlich war der Pfarrer in seiner Widumstube, seinem Amtszimmer, aufzusuchen. Der Raum war für die Menschen ein geheimnisumwitterter Ort: an den Wänden die Bücherborde mit vielen Büchern, darunter die Kirchenbücher, in die alle Taufen, Trauungen und Beerdigungen eingetragen wurden. Dazu ein großer Schreibtisch mit Akten, Papier und Tintenfass mit Gänsefeder. Hier wurden Grundstücks- und Pachtverträge geschlossen, auch Erbstreitigkeiten verhandelt. Hier trat das Moderamen (Presbyterium) zur Beratung zusammen.

Teil 2 

Ein Hauptpunkt der Reformation war die Sorge um die Bildung der Menschen. So gab es in Lienen von der Zeit der Reformation an eine Schule an der Ostseite der Kirche und einen Lehrer, der zugleich das Küster- und das Organistenamt ausübte. Das evangelische Pfarrhaus wurde zu einem wichtigen Bildungsträger der Zeit. Die Schule besuchten vor allem die Kinder aus dem Dorf, weniger aus den Bauerschaften. Der Schulunterricht beschränkte sich auf den Winter. Im Sommer musste das junge Volk bei der Ernte helfen. Erst kurz vor 1700 gibt es Überlegungen, auch im Sommer Schulunterricht zu halten. Die Schulpflicht wurde unter den Preußen eingeführt.

Lehrer und Pfarrer arbeiteten einander zu. Der Konfirmandenunterricht festigte und vertiefte, was in der Schule gelernt war. Ein Sohn des Pfarrers Eberhard Klinge wurde Lienener Dorfschulmeister. Das Lehrerhaus stand auf der Ostseite des Thieplatzes Ecke Iburger Straße. Der Lehrer war auch für die musikalische Ausbildung der Kinder verantwortlich. Der Schülerchor bereicherte den Gottesdienst. Unsere Kirchenchöre haben in solchen Schülerchören ihre Vorgänger.

Der letzte Snethlage, Friedrich Andreas (1770-1815), hat sich um das Schulwesen besonders verdient gemacht. Er bildete etwa ab 1775 junge Männer zu Lehrern aus, die ihm im Konfirmandenunterricht aufgefallen waren und ihm dazu geeignet erschienen. Die setzte er in den Bauerschaften als Lehrer ein. Sie hielten den Unterricht in leer stehenden Heuerhäusern oder anderen dazu hergerichteten Gebäuden. Der Aufstieg eines Bauernjungen zum Lehrer war begehrt, konnte er sich durch diese Arbeit doch einige Taler mehr verdienen. Denn die Eltern der Schulkinder hatten ja ein Schulgeld aufzubringen. Nach 1800 wurde die Ausbildung der Lehrer vom preußischen Staat neu geregelt.

Friedrich Andreas Snethlage war der Inspektor im Kirchenbezirk der Altgrafschaft Tecklenburg, später auch in Oberlingen (Ibbenbüren, Mettingen, Recke, Brochterbeck). Das Inspektorenamt war Vorgänger des von den Preußen um 1815 eingeführten Superintendentenamtes. Die Pfarrkonferenzen fanden an wechselnden Orten statt. Dazu mußte man mit Pferd und Wagen anreisen. Ewiges Thema war die Vergütung von Pfarrern, Lehrern und Organisten. Das Verhältnis von Bar- und Naturalvergütung schuf immer neue Unzufriedenheiten. Es war festzulegen, welche Summen aus der Osterberger und der Oberlingenschen Güterkasse an Pfarrer und Lehrer in den armen Gemeinden gezahlt werden konnten. Lienen gehörte zu den reicheren Gemeinden. Vor allem musste Snethlage den Schriftverkehr mit der königlichen Regierung in Lingen führen, wenn es um Reparaturen an Kirchen und Pfarrhäusern ging. Zur Entlastung wurde ihm in dem aus Lienen stammenden Hermann Kriege ein diakonus communis (Synodalvikar) beigegeben, der 1815 in die neu geschaffene 2. Pfarrstelle einrückte.

Während die Pfarrfamilie in der nachreformatorischen Zeit noch ganz und gar in der bäuerlichen Welt wurzelte, stiegen Pfarrer und Lehrer nach und nach in die High Society des sich entwickelnden Bürgertums auf. Zu diesem Stand gehörten in Lienen außerdem der gräfliche Vogt, nach 1707 der preußische Amtmann und die Lienener Kaufmannsfamilie Kriege. Vogt und Amtmann waren verantwortlich für das Polizei- und Steuerwesen der Gemeinde, auch für die Rekrutierung junger Männer für das preußische Heer.

Die Kaufmannsfamilie Kriege hat sich in hohem Maße für das Wohl der Kirchengemeinde eingesetzt. Sie machten Finanzierungsvorschläge bei Reparaturen oder auch für den Neubau der Kirche im Jahre 1802. Auch andere Lienener Kaufmannsfamilien waren aktiv in der Kirchengemeinde tätig, so z.B. die Königs und Staggemeiers. Die Gelder aus Verpachtungen von Kirchenländereien waren anzulegen, ebenso die Kollekten ihrer Bestimmung zuzuführen, die Rechnungsbücher exakt zu führen, Pfarrer und Lehrer zu vergüten.

So blieb es nicht aus, dass Pastoren-, Amtmanns- und Kaufmannsfamilien sich miteinander versippten. Auch der Pfarrhof genügte nicht mehr den Ansprüchen der Zeit. Tatsächlich war er in baulich marodem Zustand, dazu nach seiner Westseite hin feucht und ungesund zu bewohnen. 1739 wurde das Gebäude noch einmal saniert. Seit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts bemühten sich die Pfarrer um den Bau eines neuen Pfarrhauses. 1909 wurde es von Pastor Holtmeier verwirklicht.

Teil 3 

Seit 1776 war die Notwendigkeit der Errichtung einer zweiten Pfarrstelle in Lienen auch höheren Orts anerkannt. Allein es fehlte an Finanzierungsmöglichkeiten. Auch hier fand Friedrich Andreas Snethlage Lösungswege. Grundlage der Finanzierung wurde eine Stiftung des Bremer Kaufmanns Hermann Kriege und einer Witwe König, die beide 1000 Taler einbrachten. Dieses Kapital wurde durch Kollektenreisen nach Holland und England aufgestockt. Aus den Zinsen konnte dem 2. Pfarrer ein bescheidenes Einkommen garantiert werden, das außerdem durch festgelegte Abgaben der Lienener Höfe an Fleisch, Eiern, Getreide und Obst noch ergänzt wurde.

1702 wurde Lingen preußisch, 1707 ebenso die Altgrafschaft Tecklenburg. Der Übergang an Preußen war ein einschneidendes Geschehen. Den Synoden wurden die ihnen bisher zustehenden Zuständigkeiten entzogen. An die Stelle der reformierten Synodalverfassung von 1587/1619 trat 1713 die preußische Inspektionsordnung und das preußische Kirchenregiment in Form der königlichen Regierung in Lingen. Da wurde von oben herab verordnet, was zu tun war. Von einer kirchlichen Selbstverwaltung hielten die Preußen nichts. Die Tecklenburger konnten sich begreiflicherweise auch nur schwer mit dem preußischen Befehlston anfreunden.

Die kritische Einstellung den Preußen gegenüber wandelte sich mit Beginn des 19. Jahrhunderts. Man war die französische Fremdherrschaft mit ihren Kontributionen leid. Als am 9. November 1813 die preußischen Truppen in Verfolgung der Armee Napoleons in Lienen einzogen, wurden sie unter dem Jubel der Bevölkerung mit Glockengeläut begrüßt. Zahlreiche junge Männer meldeten sich freiwillig zur Armee, um dem verhaßten Napoleon das Genick zu brechen. Der preußisch-deutsche Nationalismus wird so erstmals greifbar.

Friedrich Andreas Snethlage wird in der Chronik der Lienener Kirchengemeinde als ein "gewaltiger Mann und kernfester Patriot" charakterisiert. Der preußisch konservative Typ des Pfarrers bildete sich aus. Seine vornehmste Aufgabe neben Gottesdiensten und Amtshandlungen war, im Verein mit dem Amtmann für Recht und Ordnung, Anstand und Sitte zu sorgen, die Menschen der Gemeinde zu braven Staatsbürgern zu erziehen. Aus dem 19. Jahrhundert werden die verschiedensten Erzählungen über die Lienener Pfarrer berichtet. Sie kreisen fast alle um Fragen, die Alkoholgenuss, Kartenspiel, Tanzlustbarkeiten, Sexualität und Sonntagsheiligung betreffen.

Das Pfarreinkommen war bescheiden. Dennoch konnten sich die Lienener Pfarrer einiges leisten. Entweder kamen sie aus vermögenderen Verhältnissen oder heirateten entsprechend. Schon Conrad Klinge (1608-1647) konnte im Dreißigjährigen Krieg westlich neben dem heutigen Haus Brüseke am Kirchplatz, von diesem durch einen schmalen Gang getrennt, ein eigenes Häuschen errichten. Sohn Eberhard, Pfarrer in Schale, verkaufte es 1667 an seinen Bruder Theodor, den Küster und Schulmeister in Lienen. Das Haus wurde 1908 abgebrochen. Eberhard Samuel Snethlage konnte 1707 den gräflichen Strackenhoff kaufen und für seine Erben in Stand setzen. Dieser Hof hat einmal eine bedeutsame Geschichte gehabt. Nachdem er niedergebrannt ist, liegt er heute an der Glandorfer Straße als Ruine. Auch der erste 2. Pfarrer Lienens, Hermann Kriege, gehörte nicht zu den Armen. Er errichtete sein Haus an der Hauptstraße, in dem heute u.a. die Drogerie zu finden ist.

Untenstehend die Liste der Pfarrer, die von 1815 bis zum 1. Weltkrieg in Lienen gewirkt haben. Auffallend ist der Wechsel von der zweiten Pfarrstelle in die erste, wenn der Kollege dort ausschied. Dieser Wechsel hängt damit zusammen, daß die erste Stelle trotz gehaltlicher Gleichstellung in der Barvergütung besser dotiert war. Nach 1919 ist der Unterschied nur noch ein numerischer.

1. Pfarre2. Pfarre
Christoph Hasenkamp (1816-1821)Hermann Kriege (1815-1821)
Hermann Kriege (1821-1851)Ferdinand Gessert (1821-1829)
 Mauritz Staggemeier (1829-1847)
 Ernst Holtmeier (1848-1851)
Ernst Holtmeier (1851-1879)Theodor Müller (1851-1860)
 Wilhelm Kriege (1860-1880)
Wilhelm Kriege (1880-1913)Hermann Holtmeier (1880-1903)
Hermann Holtmeier (1913-1919)Franz Neuhaus (1903-1919)
Franz Neuhaus (1919-1929) 

Teil 4 

Die Pfarrer des 19. Jahrhunderts vertraten als preußische Staatskirchenbeamte einen konservativen Protestantismus. Sie standen auf preußisch-obrigkeitlicher Seite. Da blieben Konflikte nicht aus. Wer hätte es für möglich gehalten, dass die Revolution von 1848 in Lienen ein so starkes Echo fand? Wie angespannt die Situation war, zeigen die damals erscheinenden Reime des Bauern Schmedt auf der Günne in Holzhausen oder die Aufzeichnungen des Bauern Schowe aus Kattenvenne. Beide waren keine Kommunisten, sondern demokratisch gesinnte Christen. Sie klagen die Pfarrer an, daß sie herrschen und die Gemeinde knechten wollten, anstatt ihren Dienst dem Evangelium gemäß als einen Dienst der Liebe zu begreifen.

Tatsächlich hatte die Pfarrerschaft des 19. Jahrhunderts wenig Blick für die kleinen Leute und ihr soziales Abseits. Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Auswanderung nach Amerika, und auch das Jahrhundert der aufblühenden Industrie, die aber die Vielzahl der Menschen nicht in Arbeit und Brot bringen konnte und zu Hungerlöhnen arbeiten ließ. Als Ernst Holtmeier 1848 in Lienen ordiniert und ins Pfarramt eingeführt werden sollte, ging das Gerücht, daß sozialistische Aufrührer die Kirche stürmen wollten. Es ist das dann nicht geschehen. Die revolutionären Umtriebe hatten Grund. Denn Holtmeier war mit dem sehr reaktionär eingestellten Lienener Amtmann Stoppenbrink befreundet.

Politisch standen die Pfarrer des 19. Jahrhunderts rechts. Das zeigt ein Wort des Superintendenten Smend auf der Kreissynode 1871

"Das deutsche Volk hat sein göttliches Recht, seine verlorene Machtstellung, zurückerobert (Sieg über Frankreich 1870/71). Die germanischen Völker, welche den romanischen gegenüber die große Mission haben, die Welt zu lehren, wie man Gott im Geist und in der Wahrheit dienen soll, erscheinen nun desto mehr als die berufenen Werkzeuge göttlicher Weltregierung. Die Hohenzollern haben nach Gottes Geheiß das Vaterland gerettet und vereinigt".

Das sind nationalistische und dazu noch rassistisch gefärbte Töne. Sie sind keine Ausnahme. Sie zeigen, dass der Protestantismus, hier gerade die Pfarrerschaft, zu Wegbereitern des Nationalsozialismus werden konnte. Hermann Holtmeier ist 1919 in tiefer Depression gestorben, daß der Krieg verloren war, dass Gott offenbar nicht mit den Hohenzollern war. Das Studium der Zeit zeigt, wie tief die Kirche in die Irrungen und Wirrungen des 19. und dann auch der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstrickt war. Der innere Zerfall der Volkskirche ist in dieser unglückseligen Vergangenheit angelegt.

Inhaltlich vertraten die Pfarrer des 19. Jahrhunderts die Linie einer orthodoxen protestantischen Dogmatik. Es galt Bibelverse, Katechismusstücke und Gesangbuchverse einzutrichtern. Die wieder und wieder gehörte Redeweise "das mußt du eben glauben" charakterisiert die Art der Übermittlung der kirchlichen Lehre. Dass die Pfarrer dabei von der Richtigkeit und auch von der Wahrheit der Lehre überzeugt waren, sollte man nicht in Abrede stellen.

1830 waren alle Kirchengemeinden des Kirchenkreises der Union beigetreten und hatten die Konfessionsbezeichnung "reformiert" abgelegt. Seitdem nennt sich unsere bis dahin "evangelisch-reformierte Kirchengemeinde Lienen" einfach "evangelische Kirchengemeinde Lienen". Schwieriger war die Durchsetzung der Unionsagende mit ihren liturgischen Wechselgesängen. 1861 ist sie erst in Ibbenbüren, Lengerich und Lienen eingeführt, ein Zeichen der Obrigkeitstreue der Lienener Pfarrer. Die mußten sich freilich auf lange Zeit mit dem Protest der Gemeindeglieder abfinden, die nicht gewillt waren, eine solche "katholische" Liturgie mitzumachen. Sie betraten die Kirche erst zum "zweiten Singen", dem Lied vor der Predigt. Diese Praxis kam erst mit dem 2. Weltkrieg an ihr Ende.

Teil 5 

Einer unter den Pfarrern des 19. Jahrhunderts hebt sich aus der Schar der anderen durch seine Eigenart heraus. Es handelt sich um Christoph Hasenkamp (1816-21). Er war nur fünf Jahre in Lienen und bei seinem Dienstantritt nicht einmal von der ganzen Gemeinde erwünscht. Er war ein Vertreter des Pietismus, einer Frömmigkeitsbewegung, die auf die Herzen der Menschen zielte. Hasenkamps Wirken hat seinen besonderen Ausdruck gefunden in dem sogenannten "Blauen Liederheft" zum Konfirmationsgottesdienst. Das waren unwahrscheinlich lebendige von Schüler- und Katechumenenchören im Verein mit den Konfirmanden und der Gemeinde gestaltete Gottesdienste.

Dieser Pietismus war Ausdruck der tiefen Sehnsucht nach einem überzeugenden Christentum, einem Glauben, der Herz und Gemüt des Menschen ergreifen und sich festmachen will in dem bewussten Bekenntnis zu dem einen Gott und seinem Christus. Charakteristisch ist die gefühlsbetonte Frömmigkeit, ein sich Versenken in das heilige Opfer, das Jesus für uns am Kreuz vollbracht hat.

Noch 1959 spielte das Blaue Liederheft im Konfirmationsgottesdienst eine Rolle. Aber seine Frömmigkeit war nach 150 Jahren "gefroren", Ausdruck einer Zeit, die von den schrecklichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts unberührt war und in seiner Sprache einer säkular gewordenen Welt völlig fremd bleiben musste. So war das Heft möglichst umgehend aus dem Verkehr zu ziehen. Lienen ist nicht bleibend vom Pietismus geprägt worden.

Hier der Aufriss des Liederheftes und die kurze Inhaltsangabe:

Teil I: Erneuerung des Taufbundes
Unwissend wurden wir getauft. Nun unterwiesen, stellen wir uns zu Gottes Bund. Christi Versöhnungstat wird geschildert und gesagt: "Das alte Wesen muß verschwinden, mit allen Lüsten untergehn, ein neuer Mensch empor sich winden, durch Christum geistlich auferstehn".

Teil II: Gebet vor dem Bekenntnis
"Großer Heiland heute geben, um dir zu sterben, dir zu leben, wir willig uns zum Opfer hin. Teuer hast du uns erkaufet, auf deinen Tod sind wir getaufet, nur dir gebühret Herz und Sinn."

Teil III: Gruß der Gemeinde nach der Aufnahme
"Seid uns willkommen, Brüder, des Heilands neue Glieder, der Herde Lämmerschar."

Teil IV: Abschied der Lehrer und Mitschüler

Der letzte Teil erinnert an die einstige Verklammerung von Schule und Kirche und setzt voraus, daß die Konfirmation mit der Schulentlassung zusammenfällt. Hauptpunkt heutiger Kritik ist das Konfirmationsgelübde von Jugendlichen, die in einer weithin nicht mehr christlich eingestellten Gesellschaft aufgewachsen sind. Es ist zur Farce geworden. Statt dessen stimmen die Konfirmanden mit der Gemeinde in das Glaubensbekenntnis ein. Problematisch ist auch die Formulierung von Teil III. Die Kinder sind doch durch die Taufe in die Gemeinde aufgenommen. Hasenkamps Formulierungen kommen aber dem Eingeständnis nahe, dass die Säuglingstaufe defizitär ist. In der Tat neigt der Pietismus zu dieser Auffassung. Das persönlich verantwortete Bekenntnis steht im Pietismus ganz im Vordergrund.

Es liegen zwei Predigten von Hasenkamp vor. Sie zeigen die Ausrichtung des Glaubens auf das jenseitige Reich Gottes. Das Leben im Hier und Jetzt steht unter der Anfechtung der Vergänglichkeit. In dieser Anfechtung gilt es, den Glauben zu bewähren. Der sterbliche Leib beschwert die Seele. Um so fester ist die Verheißung des Reiches Gottes in den Blick zu fassen. Man könnte sich ja auch vom Reich Gottes ausschließen und aus dem Buch des Lebens getilgt werden!

Dass es im christlichen Glauben auch darum gehen müsste, den neuen Himmel und die neue Erde schon im Hier und Heute zeichenhaft aufleuchten zu lassen in einem Mehr an Gerechtigkeit und Frieden zwischen den Menschen und Völkern und in einem sorgsameren Umgehen mit den Gütern der Schöpfung, das blieb der konservativen protestantischen Orthodoxie und auch dem Pietismus verborgen. Der Aufruf Johann Hinrich Wicherns auf dem Wittenberger Kirchentag 1848, dem Jahr des Erscheinens des kommunistischen Manifests, nicht nur vom Glauben zu reden, sondern ihn in der Liebe, also in der Diakonie und im sozialen Handeln zu üben, blieb weithin ungehört.

Teil 6 


Pfarrer Otto Smend
1919–1958

Pfarrer Johannes Wilkens
1929–1936

Mit dem Tod von Hermann Holtmeier (1919) und der Pensionierung von Franz Neuhaus (1929) ist ein tiefer Einschnitt in die Lienener Pfarrergeschichte gesetzt. Diese Zäsur ist durch die Katastrophe des 1. Weltkrieges bedingt. Die Hohenzollern hatten abgewirtschaftet, Kaiser und Adel hatten sich als unfähig erwiesen, u.a. die brennende soziale Frage einer Lösung zuzuführen. Zugleich war der deutsche Nationalismus durch den "Schandvertrag" von Versailles tief gekränkt. Von der Weimarer Demokratie hielten weite Kreise des Protestantismus nichts. Man sehnte sich nach wirklicher "Obrigkeit", d.h. einer starken Führerpersönlichkeit, die in der Lage war, sowohl die nationale Ehre Deutschlands wiederherzustellen wie auch die sozialen Probleme des Landes zu lösen. 1933 zählte Deutschland 7 Millionen Arbeitslose. Ein nationaler Sozialismus schien die Lösung zu sein.

Lienen bekam zwei junge Pfarrer, die als Offiziere aus dem 1. Weltkrieg hervorgegangen und von den Schrecken des Kriegsgeschehens geprägt waren. Predigt des Evangeliums hieß für sie, Auseinandersetzung des christlichen Glaubens mit den geistigen Strömungen und weltanschaulichen Entwürfen der Zeit. Die Gegenwart mit ihren vor allem auf sozialem Gebiet bedrückenden Fragen rückte dabei in den Mittelpunkt des Nachdenkens. Das Vereinswesen kam in Jugend-, Frauen-, und Männerarbeit zu breiter Entfaltung. Die Errichtung des Gemeindehauses im Jahr 1925 bot dazu eine geeignete Plattform. Einen Missionsverein gab es schon vor dem 1. Weltkrieg.

Der Ältere der beiden war Otto Smend, *1888, von 1919–1958 Pfarrer in Lienen. Er war durch und durch Akademiker, sehr versonnen, schloss sich der Christengemeinschaft Rittelmeyers an. Ziel dieser Bewegung ist die segnende Zuwendung Gottes in der Feier des Sakraments, ebenso das soziale Engagement und die Förderung des geistigen und kulturellen Lebens der Gemeinde. Smend hatte eine gute Redegabe, fand aber schwer ein Ende der Predigt. Er überraschte die Gemeinde im Weihnachtsgottesdienst mit Krippenspiel, stellte dazu erstmals einen Weihnachtsbaum in die Kirche. Frau Smend kümmerte sich um den Aufbau der Frauenhilfe, ein Verband, der die sozialen Nöte der Zeit anging und sich auch nach dem zweiten Weltkrieg um die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen verdient gemacht hat. Smends war an dem Aufbau eines Kulturkreises gelegen. Da gab es Vorträge zu aktuellen Themen, Theaterfahrten nach Osnabrück. Mit Smends zieht Bildung und Kultur in Lienen ein. Bereichert wurde diese Arbeit durch Pastor Walter Thiemann an der Landvolkshochschule Bethels in Lienen: Sie siedelte am 15.3.1931 nach Tecklenburg über. Smend kommt auch das Verdienst zu, nach dem Kriege den CVJM wieder auf die Beine gestellt zu haben. In der NS-Zeit lag ja die gesamte Jugendarbeit in den Händen des Staates.

In die zweite Pfarrstelle rückte 1929 Johannes Wilkens (*1896) ein. Er war promovierter Germanist und Historiker, ebenso promovierter Neutestamentler, von 1926–29 erster Studentenpfarrer Westfalens in Münster, von dieser Aufgabe her in der politischen und weltanschaulichen Auseinandersetzung geübt. Seine Stärke war die Männerarbeit und die männliche Jugendarbeit. Im Abkündigungsbuch findet sich die Einladung zum Nachmittag des 1. Advent 1930 unter dem Thema "Die evangelische Gemeinde im politischen Kampf der Gegenwart" und zum 1.2.1931 unter dem Thema "Was hat die ev. Kirche mit der Politik zu tun?"

Die politische Auseinandersetzung war für die Kirche Neuland. Nach bisherigem Verständnis hatte sie damit nichts zu schaffen. Tatsächlich war sie als Staatskirche bis 1919 politisch der Obrigkeit verpflichtet. Nach der Trennung von Kirche und Staat, war sie nun auf sich gestellt. Die politische Herausforderung war für sie schon seit dem kommunistischen Manifest von 1848, erst recht seit der Novemberrevolution 1918 der Marxismus. Der Nationalsozialismus erschien ihr als das Bollwerk gegen die rote Flut. So begrüßte sie den neuen Staat Adolf Hitlers, interpretierte das Evangelium staatskonform im Sinne eines "deutschen Luthergeistes" und der Forderung nach einer "heldenhaften Frömmigkeit". Tatsächlich ging es um Sein und Nichtsein der Kirche. Die Bekennende Kirche formierte sich. Die NSDAP verstand deren Arbeit freilich als Unterminierung der NS-Doktrin. Die Partei duldete keine Konkurrenz, auch nicht die der Kirche.

Die Väter der Bekennenden Kirche respektierten den NS-Staat. Sie beschränkten die Auseinandersetzung bewusst auf den Versuch der Partei, über das Wesen des Evangeliums zu bestimmen. Das lässt sich gut an einem Lienener Presbyteriumsbeschluss von 1934 zeigen. In Kurzform lautet er:
nach dem äußeren Menschen stellen wir uns zu unserem Führer Adolf Hitler, nach dem inneren Menschen eindeutig zu Jesus Christus.
Für uns heute ist das eine unmögliche Aufteilung. Dennoch bleibt es das Verdienst der Väter, die Auseinandersetzung mit der Partei vom Kern der biblischen Botschaft her angegangen zu sein, wenn auch auf den "inneren Menschen" eingeengt. Weil aber die Partei auch den inneren Menschen, den überzeugten Nationalsozialisten beanspruchte, erschienen ihr die BK-Pfarrer als Staatsfeinde. Diese Auseinandersetzung macht den Kirchenkampf aus.

Teil 7 


Pfarrer Heinrich Homrighausen
1937–1955

Nach dem Wegzug von Johannes Wilkens folgt vom 16.11.1936 – 30.11.1937 der Hilfsprediger Emil Funke, Sohn eines Missionars aus der ehemals deutschen Kolonie Togo (*5.9.1908). Er wurde später (1.11.1939 – 18.8.1947) Pfarrer in Recke, verunglückte dort tödlich.

Mit dem 2.11.1937 trat Heinrich Homrighausen als Hilfsprediger, ab 27.4.1939 als Pfarrer in den Dienst der Kirchengemeinde und blieb in Lienen bis zu seinem Tode am 15.7.1955. Homrighausen wurde am 16.11.1897 in Wunderthausen/Wittgenstein geboren. Nach seinem Kriegsdienst im 1. Weltkrieg bezog er das Auslandsdiaspora-Seminar in Stettin und wurde 1925 Pfarrer in Linha Brochier/Brasilien. Er war verheiratet mit Luise Brand aus Bochum.

Dass er nach Deutschland zurückkehrte, hängt mit der Erkrankung seiner Frau zusammen, die nach kurzem Aufenthalt in Lienen dann in Bethel leben mußte. Später wurde dies auch das Schicksal der ältesten Tochter. Um die Familie zu versorgen, gewann er Luise Theiß als Haushälterin.

Homrighausen war in der Gemeinde sehr beliebt. Er besaß auf der Kanzel nicht die Redegabe eines Otto Smend oder das Temperament eines Johannes Wilkens. Es wird erzählt, dass das Presbyterium ihn ermuntert habe, sich auf der Kanzel doch etwas lebendiger zu geben. Seitdem wandte er sich bei der Predigt in kurzen Abständen einmal nach der rechten und dann nach der linken Seite, wobei er seine beiden Hände jeweils übereinander auf die Kanzelbrüstung legte.

Homrighausen war dafür ein außerordentlich beliebter Seelsorger mit Herz für die Menschen. Wem selber Schweres im Leben auferlegt wird, kann andere in ihrem Leid umso besser verstehen und ihnen beistehen. Im Unterschied zu Otto Smend empfanden ihn auch die Konfirmanden als einen väterlich verständnisvollen Menschen. Eingeprägt hat sich der Gemeinde das Bild, wie seine jüngste Tochter den Vater nach dem Unterricht am Gemeindehaus erwartete und umarmte.

Aus der Kriegszeit erzählt Heinrich Pellemeyer mit Hochachtung, wie Heinrich Homrighausen in aller Selbstverständlichkeit auch in der Feuerwehr seinen Dienst tat und ihm nichts zu viel wurde.

Dr. Wilhelm Wilkens

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